Die verschwundene Stadt am Untersee

Ratoldescella – Radolfzell

Ratoldescella, „Zelle des Ratold“ – dieser Begriff wird erstmals um 930 in einem in Latein abgefassten Bericht über die Wundertaten des heiligen Markus erwähnt, wo es in der Übersetzung heißt:
„…Es war dies eine überaus schöne Stelle, vom Kloster zwei Meilen entfernt, jenseits des Sees gegen Nordwesten, mit Fischerhütten besetzt, sonst aber zu keinem Anbau geeignet. Diesen Platz begann Ratold herrichten zu lassen, mit Häusern sowie einer Kirche zur Ehre Gottes zu bebauen und diese Zellenanlage mit seinem Namen [ratoldescella] zu benennen, wie es bis heute noch der Fall ist…“

Und so beginnt die Sonderausstellung „ratoldescella – Radolfzell“, die ab dem 17. Mai 2026 im Stadtmuseum zu sehen ist, folgerichtig mit dem Ortsgründer Ratold, Bischof von Verona. Mit seiner „Cella“ legte er den Grundstein für die heutige Stadt. Die Präsentation zeichnet seinen Lebensweg als kirchlicher und politischer Akteur im frühmittelalterlichen Europa nach. Sogar eine persönliche Unterschrift auf einer Urkunde aus dem Jahr 809 ist überliefert. Die Ausstellung zeigt das entsprechende Dokument und den Bericht mit der Ersterwähnung jeweils als Faksimile und vermittelt einen Eindruck von diesen über tausend Jahren alten Dokumenten.

Heute erinnert nichts mehr an das Radolfzell des 9. und 10. Jahrhunderts. Eine dynamische Entwicklung hat seitdem das Gesicht der Stadt verändert. Ein Ausstellungsraum widmet sich daher alten Ansichten der Stadt in historischen Gemälden und Abbildungen. Ein Höhepunkt ist die interaktive Darstellung der Gemarkungskarte von 1708, die viele vergessene Details der Stadt zur Barockzeit zeigt, wie beispielsweise die Radolfzeller Hinrichtungsstätte und das Haus des Scharfrichters.

Längst verschwunden sind auch die Weinberge und Bierbrauereien Radolfzells. Tatsächlich war Wein jahrhundertelang eines der wichtigsten Exportgüter. Doch Rebkrankheiten und bessere Verdienstmöglichkeiten in der aufstrebenden Industrie ließen den Weinbau eingehen. Auch die Bierbrauereien, von denen es 1880 noch vier Stück in der Stadt gab, verschwanden. In der Ausstellung erinnert nun ein eigener Raum an die alte Bedeutung von Wein und Bier für Radolfzell.

Viele einstmals prägende Gebäude teilten ein ähnliches Schicksal, wie z. B. der 1870 als Verkehrshindernis abgebrochene Obertorturm, das noch heute bei älteren Einheimischen als „Café Achteck“ bekannte Gefängnis, oder die alte evangelische Kirche. Heute bewahrt die Museumssammlung ihre letzten materiellen Zeugnisse auf, die nun in der Ausstellung gezeigt werden. Und schließlich haben auch viele Menschen aus Radolfzell ihr Glück in der Fremde gesucht. Stellvertretend für die „Auswanderer“ stellt die Präsentation einzelne Biografien aus verschiedenen Zeitabschnitten vor. Darunter finden sich berühmte Persönlichkeiten, aber auch einfache und unbekannte Menschen.

Zur Eröffnung der Sonderausstellung „Ratoldescella – Radolfzell“ am 17. Mai 2026 ab 11 Uhr lädt das Stadtmuseum alle Interessierten ein, mit zu feiern. Denn gleichzeitig zum internationalen Museumstag feiert das Stadtmuseum Radolfzell in der alten Stadtapotheke sein 20-jähriges Bestehen. Kurzführungen, Kinderaktionen und die musikalische Begleitung durch die Narrenmusik Radolfzell versprechen beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Übrigens: Der Eintritt ist an diesem Tag frei!

 

 

 

Vergangene Sonderausstellungen 

Vor 80 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Unzählige Dokumente, Bücher und Filme widmen sich diesem Kapitel deutscher Geschichte. Doch wie sah der Alltag damals in Radolfzell aus? Was geschah an der sogenannten „Heimatfront“? Die Sonderausstellung „Diktatur. Krieg. Und danach. Radolfzell 1933 – 1948“ präsentierte vom 10. April 2025 bis zum 12. April 2026 die Jahre von 1933 bis in die unmittelbare Nachkriegszeit in der Stadt am Untersee.

Zahlreiche Bürger trugen mit ihren in Schränken, Kellern und Dachböden aufbewahrten Schriftstücken und Gegenständen zur Ausstellung bei und ergänzten die Objekte aus dem eigenen Sammlungsbestand oder aus anderen Museen. Das materielle Erbe des Nationalsozialismus lässt nachspüren, wie das Regime die kleinstädtische Gesellschaft kontrollierte und in seinem Sinne lenkte.

Grundsätzlich unterschied sich das Geschehen in Radolfzell wenig von anderen süddeutschen Kleinstädten. Bis auf einen Punkt: 1937 wurde Radolfzell zum Standort bewaffneter SS-Einheiten, die in die eigens dafür erbauten Kaserne einzogen. Die bis Kriegsende mehrfach wechselnden Einheiten sollten für Verbrechen und vielfaches Leid auch in der Umgebung verantwortlich werden.

Flyer zur Sonderausstellung: Flyer „Diktatur. Krieg. Und danach. Radolfzell 1933 – 1948“

Beitrag über die Ausstellung in Deutschlandfunk Kultur am 19.02.2026: NS-Geschichte – Radolfzell stellt sich der Vergangenheit

Reportage zur Ausstellung in Deutschlandfunk „Das Wochenendjournal“ vom 21.03.2026: https://www.deutschlandfunk.de/aufarbeitung-wie-radolfzell-mit-seiner-ns-vergangenheit-umgeht-100.html

 

3D-Rundgang durch die Sonderausstellung

Besucherstimmen:

„Sehr interessante und gut aufbereitete Ausstellung, durch die das damalige Leben und Erleben gut nachvollzogen werden kann. Wollen wir hoffen, dass solche Zeiten nicht wiederkommen!“
Eintrag im Besucherbuch vom 29.06.2025

„Sehr gute Ausstellung! So was sollte es in jedem Ort geben.“
Eintrag im Besucherbuch vom 10.07.2025

„Danke für die Sonderausstellung! Für mich als Geschichtslehrerin ist es etwas Besonderes, Dokumente zu sehen, die das Leben in der NS-Zeit nicht nur allgemein, sondern ganz persönlich, auf einzelne Täter und Opfer bezogen, darstellt.“
Eintrag im Besucherbuch vom 12.07.2025

„[…] In die Radolfzeller Sonderausstellung bin ich zufällig geraten, da ich auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt das große Plakat am Museumsgebäude entdeckte. Mir hat die Ausstellung sehr gefallen, sie war nicht überladen und die museumspädagogische Didaktik war durchdacht und wohltuend. Mir haben die Teile zu Jugend, dem Lokalbezug mit der SS-Unterführerschule und den einzelnen Biographien  besonders gefallen. Ich würde die Ausstellung jederzeit mit Gruppen junger Erwachsener besuchen und hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen in Radolfzell und Umgebung diese Möglichkeit nutzen. […]“
Ein Besucher in einer E-Mail vom 15.07.2025

„Eine sehr beeindruckende, mutige Sonderausstellung, an der andere Städte sich ein Beispiel nehmen sollten! Hoffentlich kommen viele Schulklassen hierher!“
Eintrag im Besucherbuch vom 23.01.2026

 

3D-Rundgang durch die Sonderausstellung