Diktatur. Krieg. Und danach. Radolfzell 1933 bis 1945.
10. April 2025 – 12. April 2026 | 11:00 bis 17:00 Uhr

Radolfzell unter dem Hakenkreuz
Vor 80 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Unzählige Dokumente, Bücher und Filme widmen sich diesem Kapitel deutscher Geschichte. Doch wie sah der Alltag jener Zeit in Radolfzell aus? Was geschah an der sogenannten „Heimatfront“? Einen Eindruck davon vermittelt ab dem 10. April 2025 das Stadtmuseum Radolfzell mit seiner neuen Sonderausstellung „Diktatur. Krieg. Und danach. Radolfzell 1933 – 1948“. Sie wirft Schlaglichter auf die Jahre von 1933 bis in die unmittelbare Nachkriegszeit in der Stadt am Untersee.
Was viele nicht wissen: Radolfzell spielte damals eine besondere Rolle durch die Stationierung bewaffneter SS-Einheiten in der eigens dafür erbauten Kaserne. Der Kasernenbau war das Lieblingsprojekt des NSDAP-Kreisleiters Eugen Speer, der 1934 den Radolfzeller Bürgermeister Otto Blesch aus seinem Amt drängte. Das Projekt sollte die Arbeitslosigkeit in der Region senken und der Stadt langfristig wirtschaftliche Vorteile verschaffen. Am 31. Juli 1937 zog das 3. Bataillon der SS-Verfügungstruppe der Standarte „Germania“ mit 788 Männern und 39 Pferden von Singen kommend in die Kaserne ein. Die bis Kriegsende mehrfach wechselnden Einheiten sollten später für Verbrechen und vielfaches Leid auch in der Umgebung verantwortlich werden.
Die Radolfzeller SS brachte sich aktiv in das gesellschaftliche Leben der Stadt ein und präsentierte sich auf Traditionsfesten und Veranstaltungen. SS-Angehörige führten ihr Schwimmtraining im eigens für sie gebauten Aachbad Singen durch, feierten im Waldheim „Sennhof“, unterhielten Beziehungen zu jungen Frauen in Radolfzell und zu „Arbeitsmaiden“ im Lager des Reichsarbeitsdienstes in Wahlwies. Mehrere Eheschließungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Angehörigen sind bezeugt.
Angehörige der in Radolfzell stationierten SS-Einheiten beteiligten sich an allen militärischen Einsätzen ihrer Zeit. Darüber hinaus sprengten und brandschatzten am 10. November 1938 Kommandos der Radolfzeller SS-Verfügungstruppe die Synagogen in Konstanz, Gailingen, Randegg und Wangen und misshandelten jüdische Einwohner. Am 22. Oktober 1940 organisierte das in Radolfzell stationierte SS-Totenkopf-Bataillon gemeinsam mit der Polizei und der Gestapo die Deportation der jüdischen Einwohner des Landkreises in das südfranzösische Internierungslager Gurs. Nur wenige überlebten.
Ab 1941 arbeiteten Häftlinge aus dem KZ Dachau für den Bau eines Schießstandes für die die SS-Unterführerschule Radolfzell (USR). Zahlreiche Misshandlungen, drakonische Strafen und zwei willkürliche Häftlingstötungen sind belegt. Angehörige der Unterführerschule versuchten in den letzten Kriegstagen, die gesamte Region durch Terror in einen sinnlosen Widerstand zu stürzen. So erhängte am 23. April 1945 eine Gruppe der Radolfzeller SS den stellvertretenden Singener Bürgermeister Karl Bäder, weil er zuvor über die Übergabe der Stadt Singen an die französischen Streitkräfte verhandelt hatte. Eine weitere tötete fünf französische Armeeangehörige sowie 16 ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Stockach.
Abgesehen von der SS unterschied sich das Geschehen in Radolfzell wenig von anderen süddeutschen Kleinstädten. Wie überall verdrängten Nationalsozialisten die übrigen Parteien im entmachteten Gemeinderat und kontrollierten das Vereinsleben nach der zügigen „Gleichschaltung“. Einen Schwerpunkt legt die Ausstellung darauf, wie die Jugend vom Regime erfasst und indoktriniert wurde. Nicht nur die Schule erzog die jungen Menschen in den Vorstellungen der Ideologie, sondern darüber hinaus auch die ab 1939 verpflichtende Staatsjugend, die „Hilterjugend“ (HJ), und danach der ebenfalls verpflichtende Reichsarbeitsdienst (RAD). Zahlreiche Leihgaben aus der Bevölkerung zeichnen ein Bild des Alltags zwischen Schule und „Gruppenzeit“, Sammeldiensten für das Winterhilfswerk (WHW) und vormilitärischer Erziehung im RAD.
Rohstoffverknappung und sparsames Haushalten einerseits und Anstrengungen zur Erhöhung der Produktivität andererseits kennzeichneten in den Kriegsjahren die Radolfzeller Betriebe. Zwangsarbeiter sollten die eingezogenen Arbeitskräfte ersetzen und die Produktion steigern. Insgesamt arbeiteten über 550 Zwangsarbeiter und –arbeiterinnen in Radolfzeller Betrieben. Sie kamen aus Russland, der Ukraine, aus Polen, Italien, Frankreich, Belgien, Böhmen-Mähren, dem Elsass und den Niederlanden. Eine unbekannte Anzahl von Zwangsarbeitern arbeitete in der Landwirtschaft. Wiewohl unter Schweizer Leitung, bemühte sich auch die Firma Schiesser um ein gutes Verhältnis zum Regime. 1940 zeichnete die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) die Firma Schiesser als „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ aus.
Lebensmittelkarten und Luftschutzübungen, Feldpostbriefe und Todesbenachrichtigungen in der Ausstellung geben einen Einblick in die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den Kriegsjahren. Am 25. April 1945 schließlich erreichten die französischen Streitkräfte die Stadt Radolfzell. Wenige Tage zuvor hatte SS-Hauptsturmführer Kurt Groß in einer öffentlichen Rede die bedingungslose Verteidigung gefordert. Jeder Widerstand gegen diesen „Führerbefehl“ würde mit dem Tod durch ein Standgericht bestraft werden. Nach dramatischen Stunden mit Feuergefechten und hektischen Verhandlungen hissten Vikar Karl Ruby und Gastwirt Fritz Volk die weißen Fahnen der Kapitulation. Eine davon ist heute als Leihgabe der Münsterpfarrei in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zu bewundern.
Einblicke in die unmittelbare Nachkriegszeit beschließen die Sonderausstellung „Diktatur. Krieg. Und danach. Radolfzell 1933 – 1948“. Denn damals wurde die Saat gelegt für beide Städtepartnerschaften, die Radolfzell heute sowohl mit dem schweizerischen Amriswil als auch mit der südfranzösischen Stadt Istres verbinden. So waren bereits bei Kriegsende in der Schweiz Vorbereitungen für Hilfsaktionen im Sinne der Nachbarschaftshilfe für Süddeutschland angelaufen. Im Rahmen der „Ostschweizerischen Grenzlandhilfe“ unterstützte die Thurgauer Gemeinde Amriswil die Stadt Radolfzell mit Schülerspeisungen und Hilfslieferungen. Aus der Grenzlandhilfe wurde eine informelle Patenschaft für Radolfzell, die 1999 zur Städtepartnerschaft zwischen Amriswil und Radolfzell führte.
1945 ziehen französische Streitkräfte in die ehemalige SS-Kaserne ein. Die ersten Wochen unter der französischen Besatzung waren streng, aber die Bestimmungen lockerten sich bald. Aus den ersten Annäherungen zwischen Franzosen und Deutschen in den 1950er Jahren entwickelte sich der deutsch-französische Club und schließlich die Städtepartnerschaft mit Istres, die vor 50 Jahren mit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden am 19. Juli 1975 in Radolfzell besiegelt wurde – auch ein Jahrestag, an den die Ausstellung erinnert.
Das Stadtmuseum Radolfzell ist donnerstags bis sonntags von 11 – 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen sind unter Tel. 07732 / 81-530 zu den Öffnungszeiten oder unter www.stadtmuseum-radolfzell.de erhältlich.
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